Wir haben es in den Arbeiten
von Kerstin Grimm wiederholt mit Hasen zu tun – nicht vordergründig
in Verbindung mit Ostern, aber in einem weitläufigeren Sinne schon.
Denn Tiere sind in ihren Zeichnungen und plastischen Kabinettstücken
keine natürlichen Studienobjekte, sondern Teil metaphorischer Gebilde,
die überaus komplex daherkommen, in der Technik der Bildfindung wohl
surrealistisch anmutend, aber inhaltlich doch sehr weit vom klassischen
Surrealismus entfernt. Kerstin Grimms Arbeiten stecken voller historischer
und mythologischer Zitate, die sehr überlegt eingesetzt sind bis hin
zur der äußerst subtilen Kombination von Techniken des Zeichnens und
Collagierens in ihren großformatigen Papierarbeiten: Diese erwecken
den Eindruck historisch alter Blätter, in denen mehrere Schauplätze
und Geschichtsebenen gleichzeitig sichtbar werden. Fast erschrickt man
vor der Glaubwürdigkeit dieser Begegnung, vor der Intimität des Raumes,
den sie eröffnet, zusammen mit der deutlichen Empfindung, dieses Historische
müsse auch Teil eines persönlichen Lebenspanoramas sein - es geht
also um das Sichten lebendig gebliebener Traumata im scheinbar Vergangenen
der Geschichte. Ich glaube, dass diese Art Grabungstätigkeit die heutige
Kunst wesentlich trägt und ihre neuerliche Politisierung mit angestoßen
hat, steht doch die heute so ungeheuer virulente Frage nach dem Wesen
kollektiver Verirrungen und ihren Wurzeln im Individuum dabei ganz vorn:
Eine Thematik, die eng mit Religiosität verknüpft ist, genauer, mit
dem Verhältnis von Religiosität und Mündigkeit. Für mich erwachsen
Arbeiten wie die von Kerstin Grimm aus solchen Zusammenhängen, hier
liegt für mich die Erklärung für ihr Interesse an der langen Tradition
religiöser Kunst auf der einen und dem Image des Kindlichen auf der
anderen Seite. Es gibt Plastiken von ihr, die an prähistorische Idole
erinnern, andere zitieren Biblisches – der gemeinsame Nenner scheint
mir das Verhältnis zum Tier als Indikator innermenschlicher und innerweltlicher
Harmonie zu sein. Die „Stunde der Dämonen“ ist die der Spaltung
von Mensch und Tier in gegensätzliche Naturen – der eigentliche Sündenfall
und bis heute sich reproduzierender Inhalt kindlicher Martyrien.
In der „Großen Flussfahrt“,
entstanden von 1991 bis 2007, ist die schicksalhafte Beziehung von Mensch
und Tier Thema, gebunden an das Motiv der Lebensreise und bezogen auf
den Arche-Mythos des Alten Testaments. Anstelle der Gemeinschaft vieler
im großen Haus stehen bei Kerstin Grimm einzelne Figuren und Figurengruppen,
in Sichtweite voneinander auf dem Weg, jede in ihrer eigenen Arche,
als Abfolge vieler ähnlicher Schicksale. Darunter sind Szenen und Akteure
ganz unterschiedlicher Herkunft: ein ägyptisches Königspaar ist zu
sehen und ein griechischer Pegasus, die alttestamentliche Jakobsleiter,
das Jüngste Gericht und die Madonna auf dem Tier: alles Motive der
Sinn- oder Gotteserfahrung verschiedener Kulturen. Engel und Drachen
ziehen dahin nebst Tieren, die der Physiologus beschreibt, wie Hase
und Elefant und der hundegestaltige Enhydris – Tiere mit einer seelischen
Bedeutung: So zeigt sich das Tier als sinngebender Teil und Leitmotiv
der Lebensfahrt.
Bildhauerisch löst Kerstin
Grimm das Problem der Bewegung durch die offene Form und instabile Aufsockelung
ihrer Plastiken: Man muss unmittelbar davor stehen, um sie sprichwörtlich
„vor Augen“ zu haben. Die dünnen Sockel nehmen Schwingungen des
Raumes auf und speisen sie dem Bewegungsfluss der Gruppe ein – wir
alle nehmen also daran teil. Die plastische Form ist für Kerstin Grimm
nichts Statisches: Sie orientiert sich an Künstlern wie Honoré Daumier
oder Giacometti, die den Körper als kubisch unklares, vibrierendes,
im Grunde malerisches Gebilde sahen. Wie bei Daumier wirkt die Gebärde
ihrer Figuren manchmal grotesk. Wichtig ist die ausdrücklich anti-monumentale
Auffassung: die betonte Kleinheit und zeilenförmige Ordnung der Gruppen...
Katrin Arrieta